Steven Isserlis

Steven Isserlis – der Celloverrückte

Fotos: Satoshi Aoyagi
Text: Sabine Kreimendahl

Steven Isserlis spielt Cello

Er gehört zu den gefragtesten Cellisten der Klassikszene: Steven Isserlis.

Seine Auftritte sind aufregend, seine Vitalität, seine Präsenz, seine Intensität beim Musizieren mitreißend. Eine Stunde vor seiner Abreise von seinem Zuhause in London zu einem Konzert nach Beirut (Libanon) bekam der gVe die Gelegenheit, mit dem Weltstar am Telefon zu sprechen. Freundlich und präsent wirkt der 59-jährige Brite, viel ruhiger als das, was er an Temperament auf der Bühne mit seinem unglaublich lebendigen Musizierstil versprüht. Steven Isserlis ist glücklich, dass er auch auf dieser Konzertreise „sein“ Stradivari-Cello, das „Marquis de Coberon“ mit dabei hat. Das gehört ihm nicht selbst, sondern – wie so oft bei diesen wertvollen Instrumenten – einer Stiftung, hier der
„Royal Academy of Music“. Natürlich nimmt das Cello auch auf dieser Reise direkt auf dem Nebensitz im Flugzeug Platz. Das ist immer so, das ist für Isserlis ein selbstverständliches „Must“.

Steven und das Stradivari-Cello, das ist eine symbiotische Beziehung über Tag und Nacht, auch, wenn er es gerade nicht spielt. Länger als drei Tage war Isserlis ohnehin noch nie ohne zu spielen! Er schwärmt von dessen „sehr speziellen, farbigen, reichen und poetischen Klang“. Er spricht voller Ehrfurcht: „Es ist ein Traum-Cello. Ich liebe es.“ Natürlich hat der experimentierfreudige Brite mit dem lockigen, grau-melierten Wuschelkopf viele andere wertvolle Instrumente gespielt, ausprobiert: ein weiteres Stradivari-Cello, das „De Munck“ von der Nippon-Stiftung, oder ein Guadagnini-Cello beispielsweise. Zur Zeit bemüht sich Isserlis gerade darum, ein Montagnana-Cello von 1740 selbst zu kaufen.

Ein zwar nicht wertvolles, aber spezielles Instrument ist das „Graben-Cello“ („Trench-Cello“) in diesem Instrumentensortiment, ein zerlegbares Koffer-Instrument, das von seinem früheren Besitzer in einem Schützengraben im Ersten Weltkrieg gespielt wurde. Isserlis hat mit dem geliehenen Instrument ein spezielles Projekt realisiert, das in der eindrucksvollen Aufnahme „In The Shadow of War“ festgehalten ist. Die Musik, das Musizieren hat Isserlis auch nach dem Tod (2010) seiner krebskranken Frau geholfen, mit der er 28 Jahre zusammengelebt hat. Die Trauerbewältigung fand für ihn im unablässigen Spielen, Üben statt: „Es war der beste Weg, besser als zuhause trauernd herumzusitzen. Ich bin ein Glückspilz. Ich habe ein Ventil“, sagt er rückblickend zu dieser schweren Lebensphase.

Dankbar ist Isserlis für seinen Sohn, der in der Filmbranche tätig ist, und für die Begegnung mit seiner Freundin, Joanna Bergin, die er für ihre vielfältigen Talente bewundert. Sie ist Model, Fotografin, Schauspielerin und Journalistin.

Steven Isserlis im Konzert

Der umgängliche und gesprächige Brite hat einen wachen, offenen Geist, und er stammt aus einer durch und durch musikalischen Familie: Sein Großvater war Komponist wie der berühmteste familiäre Vorfahre: Felix Mendelssohn Bartholdy. Der illustre Familienstammbaum von Isserlis lässt sich ferner mit Persönlichkeiten wie Karl Marx und der Kosmetikunternehmerin Helena Rubinstein verbinden.

Vielleicht ist dieses genetisch bemerkenswerte Material der Grund dafür, dass Steven sich als „generellen Enthusiasten“ bezeichnet. Der springlebendige und offen wirkende Cellist mit clowneskem Humor hat etwas von der Gestik und Mimik des „Amadeus“, aus dem gleichnamigen Film von Milos Forman (1986). Isserlis liebt Comics, Comedians und Comedy, schaut diese gerne zur Entspannung. Auf seiner originellen und aufschlussreichen Website gibt es eine Extra-Rubrik zu „Außermusikalischen Leidenschaften“. Steven liebt die Marx-Brothers und ist leidenschaftlicher Leser, und das querbeet: Er liest Milan

Kundera, Salman Rushdie oder John le Carré, und er gibt seine Lesevorlieben bereitwillig in einem Link seiner Website bekannt. Isserlis selbst ist Autor von zwei – auch für Erwachsene kurzweiligen – Kinderbüchern, die einen inhaltlichen Bezug zu klassischer Musik und witzige Titel und Zeichnungen haben: „Warum Beethoven mit Gulasch um sich warf“ und „Warum Händel mit Hofklatsch hausierte.“

Die Konzertreisen gefallen dem Briten. Er schätzt es, unterwegs immer wieder neues Essen kennenzulernen. Danach ist die Auszeit mit seiner Freundin, der Familie, ein wichtiger Ausgleich zu den Anstrengungen der Tourneen.

Auf die Frage nach speziellen Ritualen am Konzerttag schätzt Steven einen klaren  Tagesrhythmus: „Gut ausschlafen, ein großes Mittagessen, üben, die ´Beatles´ hören, und dann einen starken Kaffee, bevor das Konzert beginnt.“

Auf die beiden Cello-Konzerte von Camille Saint-Saëns angesprochen, gerät der Cellist ins Schwärmen: „Es sind beides wunderschöne Werke. Ich liebe die Herausforderungen des ersten Konzerts, aber auch das zweite Konzert hat herrliche Ideen.“

Der „Brexit“ ist für Steven eine ganz traurige, schlimme Entwicklung, die er aus tiefstem Herzen ablehnt. Auf die Frage, ob er sich als glücklichen Menschen einstufen würde, antwortet der sympathische Brite mit humorvollem Understatement: „Ich fühle es nicht direkt so, aber ich nehme mal an, dass ich das bin.“

Mo, 11. Februar 2019, 20 Uhr,
Heinrich-Lades-Halle, Großer Saal