© Jutta Missbach
Tilman Lichdi

unerHÖRT!, FV

Winterreise

Freitag, 09. Oktober 2020, 20 Uhr
Programmeinführung 45 Minuten vor Konzertbeginn
Redoutensaal
Theaterplatz 1, 91054 Erlangen

Tilman Lichdi (Tenor)
Mitglieder der Staatsphilharmonie Nürnberg
Christian Reuter, Leitung

Heinz Winbeck
Winterreise. Stationen für 19 Solostreicher (1996)

Hans Zender
Schuberts Winterreise.
Eine komponierte Interpretation (1993)

Hans Zender: Schuberts „Winterreise“. Eine komponierte Interpretation

Hans Zenders „komponierte Interpretation“ (1993) von Franz Schuberts „Winterreise“ ist eines der populärsten Werke der zeitgenössischen Musik. „Einen Zyklus schauerlicher Lieder“ nannte Franz Schubert seine „Winterreise“ (1827) nach Texten Wilhelm Müllers. „Sie haben mich mehr angegriffen, als dies je bei anderen Liedern der Fall war.“ Indem er die ästhetische Routine des modernen Opern- und Konzertbetriebs – „zwei Herren im Frack, Steinway, ein meist sehr großer Saal“ – durchbricht, macht Zender die tiefe seelische Erschütterung, die Schuberts Musik beim zeitgenössischen Publikum auslöste, wieder neu erfahrbar. Zender übersetzt gleichsam Schuberts Vertonung in die Formensprache des 20. Jahrhunderts, „um die Urimpulse, die existentielle Wucht des Originals neu zu erleben“. Dazu komponiert er Vor-, Nach- und Zwischenspiele. Schuberts Klavierstimme verwandelt er in einen vielfarbigen Orchestersatz. Windmaschine, Melodica, Akkordeon und Gitarre zitieren den ästhetischen Resonanzraum der Gedichte, die in 24 Momentaufnahmen die Erfahrung der Fremdheit, Kälte, Einsamkeit und Verzweiflung umkreisen. „Fremd bin ich eingezogen,/ Fremd zieh‘ ich wieder aus.“ Wie der Wanderer im Schnee, so bewegen sich auch die Musiker im Raum. Der 1827 in Dessau verstorbene Wilhelm Müller kannte Schuberts Vertonung nicht. Gleichwohl zählt er mit über 500 Vertonungen zu den am häufigsten vertonten Dichtern der Romantik. Zenders „komponierte Interpretation“ (1993) reflektiert die musikalische Rezeptionsgeschichte der „Winterreise“, die von Franz Liszts Klaviertranskriptionen bis zu Reiner Bredemeyers durch die DDR geprägter Lesart der „Winterreise“ als Flucht eines gefeuerten Liedermachers (Wolf Biermann) reicht. „Die am Anfang trotz aller Verfremdung noch eindeutige Beziehung zum historischen Original wird in meiner Bearbeitung immer labiler, die ‚heile Welt‘ der Tradition verschwindet immer mehr in eine nicht rückholbare Ferne.“ (Hans Zender)

Solist der Aufführung ist der Tenor Tilman Lichdi, der sich als bedeutender Konzert- und Liedinterpret etabliert hat. Lichdi hat Konzerte in Europa, den USA, Australien, Südamerika und Asien gesungen; bei seinem Amerikadebüt mit Bachs „Johannespassion“ und dem Chicago Symphony Orchestra schrieb ein Kritiker aus Chicago: „Man kann ein ganzes Leben verbringen, ohne je eine so gut gesungene Evangelistenpartie zu hören wie jene von Tilman Lichdi, und ich vergesse hierbei nicht Peter Schreier.“ Den Instrumentalpart übernehmen Mitglieder der Staatsphilharmonie Nürnberg unter der Leitung von Christian Reuter.

Vor Zenders Version erklingt die „Winterreise“ von Heinz Winbeck. Der wie Zender im Jahr 2019 verstorbene Komponist aus Niederbayern lehrte Komposition an den Musikhochschulen München und Würzburg sowie in Kalifornien. Seine kompositorische Auseinandersetzung mit Schuberts Liedern trägt den Titel „Winterreise. Stationen für 19 Solostreicher“ und wurde 1996 in Köln uraufgeführt.

Das Konzert findet statt im Rahmen der internationalen Konferenz „Wilhelm Müller und die Übersetzung“ in der Stadtbibliothek Erlangen am 9. und 10. Oktober 2020 – eine Kooperation des gVe mit der Stadtbibliothek Erlangen, der Internationalen Wilhelm-Müller-Gesellschaft e.V. und dem Department für Germanistik und Komparatistik der FAU Erlangen-Nürnberg.

Text: Adrian La Salvia

Tilman Lichdi
© Ludwig Olah
Tilman Lichdi

Tilman Lichdi hat sich als einer der bedeutendsten Konzert  und Liedinterpreten etabliert. Besonders begeistert er als Evangelist in den Bachschen Oratorien und Passionen. Bei seinem Amerikadebüt mit der Johannespassion und dem Chicago Symphony Orchestra schrieb ein Kritiker aus Chicago: “Man kann ein ganzes Leben verbringen, ohne je eine so gut gesungene Evangelistenpartie zu hören wie jene von Tilman Lichdi, und ich vergesse hierbei nicht Peter Schreier." Lichdi hat Konzerte in Europa, den USA, Australien,  Südamerika und Asien gesungen unter anderem mit den Dirigenten Ton Koopman, Thomas Hengelbrock, Martin Haselböck, Peter Dijkstra, Frieder Bernius, Christoph Perick, Bernard Labadie, Marcus Bosch, Hervé Niquet, Hartmut Haenchen, Kent Nagano, Christoph Poppen, Claus Peter Flor, Michail Pletnev, Michel Corboz, Hans-Christoph Rademann, Teodor Currentzis und Herbert Blomstedt.

Unter der Leitung von Frieder Bernius war Tilman Lichdi an der CD-Produktion der ›Matthäuspassion‹ und dem Musikpodium Stuttgart als Evangelist und Ariensänger beteiligt. Eine DVD|CD-Produktion der ›Johannespassion‹ mit dem Chor des Bayerischen Rundfunks unter Peter Dijkstra folgte. Hier singt Tilman Lichdi die Arien. Zudem ist der Tenor auf mehreren Alben der ambitionierten Gesamtaufnahme der Werke Buxtehudes zu hören, die unter der Leitung von Ton Koopman entstanden ist. Nach der ersten Lied CD „Die schöne Müllerin“ ist 2017 die Winterreise in einer neuen Version für Tenor und Gitarre bei LichdiRecords.de erschienen.

Tilman Lichdi war von 2005–2013 festes Ensemblemitglied am Staatstheater Nürnberg. Dort hat er unter anderem David in Die Meistersinger von Nürnberg, Steuermann in Der fliegende Holländer, Tamino in Die Zauberflöte, Ferrando in Cosi fan tutte, Belmonte in Die Entführung aus dem Serail, Don Ottavio in Don Giovanni, Count Belfiore in La finta giardiniera und Conte Almaviva in Il Barbiere di Siviglia gesungen. Tilman Lichdi ist Träger des Bayerischen Kunstförderpreises 2012 im Bereich Darstellende Kunst.

Tilman Lichdi wuchs bei Heilbronn auf und erhielt im Alter von 18 Jahren seinen ersten Gesangsunterricht bei Alois Treml (Staatstheater Stuttgart), studierte jedoch zunächst 4 Jahre Trompete bei Prof. Günther Beetz in Mannheim und wechselte 1999 zum Gesangstudium nach Würzburg zu Frau Prof. Charlotte Lehmann, das er mit Auszeichnung abschloss.

Konzertsaal

Redoutensaal

Dieses Konzert wird vom Bayerischen Rundfunk – Studio Franken mitgeschnitten und auf BR-Klassik gesendet.

Zurück