Von Mozart bewundert, vom Publikum geliebt: Georg Bendas Medea


Der antike Mythos von Medea, einer der faszinierendsten Frauengestalten überhaupt, ist bis in unsere Gegenwart lebendig und produktiv geblieben – etwa in den großartigen Filmen von Pier Paolo Pasolini und Lars von Trier, in Christa Wolfs Roman Medea. Stimmen oder in Aribert Reimanns Medea-Oper von 2010.

Auf der Opernbühne war der Medea-Stoff schon seit den Anfängen der Oper in ganz Europa präsent. Einen der größten Erfolge im deutschen Musiktheater des späten 18. Jahrhunderts bildete die Medea (1775) des Gothaer Hofkapellmeisters Georg Benda, der aus einer böhmischen Musikerfamilie stammte. Das Stück nach einem Text von Friedrich Wilhelm Gotter wurde jahrzehntelang überall in Mitteleuropa aufgeführt und galt als Musterwerk der Gattung des „Melodrams“. Anders als in der Oper wird im Melodram nicht gesungen, sondern gesprochener Text mit Orchestermusik und Szene verbunden; die traditionelle Formensprache der Oper (Arie, Rezitativ, Ensemble, Chor) ist aufgelöst und durch ein neues Zusammenwirken von Musik, Szene und Sprache ersetzt.

 

Joseph Hickel, Johanna Sacco als "Medea", 1786


Dabei folgt die Musik dem Text und dem psychodramatischen Verlauf enger, als es in der Oper oder dem Singspiel dieser Zeit möglich war. Die Konzentration auf eine einzige Hauptfigur und das rasche, feingliedrige Wechselspiel von gesprochenem Text und Musik ermöglichen konfliktreiche und widerspruchsvolle Figuren-Psychogramme mit neuartiger Intensität. Im Herzen der klassischen Theater-Epoche Deutschlands bildete die (letztlich auf Rousseau zurückgehende) Form des Melodrams damit ein höchst unklassisches Ferment.

Bendas Werk lässt die antike Figur der Medea ausschließlich im heftigen, unlösbaren Konflikt ihrer Emotionen, nahezu ohne äußere Handlung lebendig werden: Liebe und Haß, Wut und Trauer, Erinnerungen an Glück und Verletzungen, archaische Rachegefühle und Mutterliebe, Ängste und Hoffnungen, Verzweiflung und Auflehnung lösen sich in ihrem Inneren in rascher Folge ab – bis zur katastrophischen Zuspitzung bei der Ermordung ihrer Kinder. All diese Emotionen finden in der vielgestaltigen Affektlandschaft der Musik Bendas ihren intensiven Ausdruck, der Generationen von Zuschauern in den Bann zog. Kein Geringerer als W. A. Mozart bewunderte dieses Werk dafür zutiefst. Benda legte Medea als Virtuosenstück für Friederike Sophie Seyler an, die berühmteste deutsche Schauspielerin seiner Zeit; auch heute noch entfaltet das etwa 50minütige Werk seine außergewöhnliche Ausdruckskraft, wenn eine große Schauspielerin es zum Leben zu erwecken versteht. Auf Katharina Thalbachs Interpretation dürfen wir daher sehr gespannt sein.

Alfons Mucha, "Medea", 1898


Am Ende seines Lebens überarbeitete Benda Medea noch einmal tiefgreifend neu und zog dabei die Summe seiner praktischen Erfahrungen mit der Bühnenwirkung des Werks. Diese späte, in vieler Hinsicht wirkungsvollere Fassung, uraufgeführt 1784 in Mannheim, blieb bislang jedoch unbeachtet; sie wird beim Konzert in Erlangen erstmals seit 1784 wieder erklingen.

Die Änderungen, die Benda bei der Neufassung seiner Medea-Musik vornahm, sind tiefgreifend und betreffen fast jeden Takt: Zahlreiche Details des musikalischen Satzes sind revidiert, die Instrumentierung ist erheblich verändert, Mittelstimmen werden lebendiger geführt, die Musik ist insgesamt gekürzt und wirkungsvoll verdichtet. Der Komponist selbst verstand diese spätere, stark veränderte Fassung als die gültige Version des Stücks. Durch Bendas Rückzug aus dem Musikbetrieb gelangte sie jedoch nicht mehr ins Repertoire der Bühnen und ist bis heute zu Unrecht völlig unbekannt geblieben: Alle bisherigen Ausgaben des Werks – und damit auch alle vorhandenen Einspielungen – beruhen auf der frühen Fassung von 1775. Das gVe-Konzert lädt nun dazu ein, dieses ganz und gar unklassische Meisterwerk des klassischen Musiktheaters in seiner endgültigen Gestalt neu zu entdecken.


Jörg Krämer

 

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