Mozart in Prag

 

unser Vereinsmitglied Prof. Dr. Michele C. Ferrari plant zusammen mit der wunderbaren Fortepianistin und Musikwissenschaftlerin Alena Hönigová (Prag) eine Reihe von Kurzkonzerten online, in denen der Einfluss Mozarts in Prag nachgezeichnet wird. Die böhmische Hauptstadt war ab den 1790er Jahren ein bedeutendes Zentrum der Mozart-Pflege und trug wesentlich mit dazu bei, den Salzburger Komponisten als musikalisches Vorbild in Europa zu etablieren.

Die erste Folge finden Sie unter
https://www.youtube.com/watch?v=tzyOm8VsN10.

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Zu hören sind Stücke von Mozarts Zeitgenossen, die Frau Hönigová zum Teil selbst wiederentdeckt und für die Aufnahmen ediert hat. Dazu gibt es einen erklärenden Text.

 

Die Prager Mozartisten

Mozart unterhielt eine besonders innige Beziehung zu Prag. In der böhmischen Hauptstadt fand er ab den 1780er Jahren Bewunderer, Anhänger und Nachfolger, welche die Grundlage für den sich zuerst in Prag und Wien um 1800 und später in ganz Europa gepflegten Kult legten für den „größten aller Tondichter“, wie Friedrich Dionys Weber (1766–1842) noch 1826 an Mozarts Witwe Konstanze schrieb.

Das Interesse für Mozart regte sich in Prag schon 1782, als die „Entführung aus dem Serail“ nachgespielt wurde, und steigerte sich zur regelrechten Begeisterung, als die „Nozze di Figaro“ im Dezember 1786 inszeniert wurden. Der Mozart-Biograph Franz Xaver Niemetschek (1766–1849) berichtet: „Der Enthusiasmus, den die Nozze di Figaro beim Publikum erregten, was bisher ohne Beispiel; man konnte sich nicht genug daran satt hören“. Bald seien die schönsten Themen aus der Oper „auf den Gässen, in Gärten“ gesungen und gespielt worden. Mozart selbst berichtete darüber voller Stolz.

Die Schwärmerei wurde noch dadurch gesteigert, dass Mozart zwei Aufträge für Prag annahm und zwischen 1787 und 1791 die Stadt mehrmals besuchte. Er betreute höchstpersönlich die Uraufführungen des „Don Giovanni“ am 29. Oktober 1787 und der „Clemenza di Tito“ am 6. September 1791, beides im Nationaltheater des Grafen von Nostitz. Rieneck (dem heutigen Ständetheater). Dabei ergaben sich Begegnungen mit beteiligten Musikern und Kollegen, welche sie menschlich und musikalisch prägten.

In der ersten Folge unserer Reihe über die Prager Mozartisten werden Stücke von Musikern aus Mozarts unmittelbarem Prager Umfeld gespielt.

Johann Baptist Kucharz (Jan Křtitel Kuchař) (1751–1825) wurde zuerst in der böhmischen Provinz, später durch Josef Seger (Seeger) (1716–1782) in Prag ausgebildet, wo er lange als Organist, Opernkapellmeister und fruchtbarer Komponist wirkte. Er war an der Uraufführung des „Don Giovanni beteiligt“, und fertigte für diese und vier weitere Mozart-Opern („Le Nozze di Figaro“, „Così fan tutte“, „Die Zauberflöte“ mit italienischem Text, „La Clemenza di Tito“) Klavierauszüge. Gemäß einer hübschen Legende nahm Mozart Bezug auf ihn, als in der Gastmahlszene des „Don Giovanni“ Leporello Don Giovannis Koch hoch lobt („Sì eccellente è il vostro cuoco che lo volli anch’io provar“: „So ausgezeichnet ist Euer Koch [!], dass auch ich ihn probieren wollte“). Diese Anspielung findet sich freilich in anderer Form auch in Bertatis Libretto für Gazzanigas „Convitato di Pietra“, seine Don-JuanOper, die Da Ponte auch für seinen „Don Giovanni“ heranzog. Komponiert wurde die Szene von Mozart in der Tat erst in Prag, als die Oper bereits geprobt wurde). Niemetschek gibt eine Anekdote wieder, die Kucharz ihm persönlich erzählt habe. Mozart soll während der Proben Zweifel über den Erfolg des „Don Giovanni“ gehegt haben, worauf Kucharz erwiderte: „Wie können Sie daran zweifeln? Die Musik ist schön, originell, tiefgedacht. Was von Mozart kommt, wird den Böhmen gewiss gefallen“. Se non è vero è ben trovato: Die kleine Erzählung bezeugt die grenzenlose Bewunderung für Mozart unter den Prager Musikern.

Trotz der Nähe zu Mozart und zum Don Giovanni insbesondere ist Kucharz’ Klavierauszug schlicht gehalten und offensichtlich nicht für eine öffentliche Aufführung, sondern möglicherweise für Proben verfertigt worden. Das von Mozart so geschickt und effektvoll instrumentierte Original verliert in der Klavierversion an Wirkung, besonders was die Wiedergabe der Streicherfiguren angeht. Dennoch liefert die Transkription einen Beitrag zur vieldiskutierten Frage nach Mozarts intendierten Tempi. Beide Teile der Ouvertüre, Andante und Molto allegro, sind in C-Takten (4/4) notiert, nicht, wie im Original, Alla breve (2/2).

Ebenfalls Schüler von Seger sowie des Mozart-Intimus Franz Xaver Duschek (1731–1799) war Vinzenz Maschek (Vincenc Mašek) (1755–1831), der als erfolgreicher Pianist, Komponist und Kirchenmusiker in Prag wirkte und Mozart mehrmals begegnete. Sein umfangreiches Œuvre, das die meisten Gattungen von der Oper bis zur Klaviermusik umfasst, harrt noch der Wiederentdeckung, die dank der ausführlichen Monographie von Jiří Mikuláš einfacher geworden ist. Seine sieben Variationen in F-Dur variieren einfallsreich das Lied „Mein Mädchen ist nicht adelich (adelig)“. Der Stil des Werkes deutet darauf hin, dass sie vor 1795 entstanden. Sie wurden in mehreren Abschriften verbreitet. Das überrascht nicht: die vielfältig rhythmisch gestalteten Figuren, die reiche Ornamentik sowie eine große Kadenz werden die Liebhaber der Zeit erfreut haben.

Eine persönliche Beziehung zu Mozart wird auch Josef Gelinek (Jelínek) (1758–1825) nachgesagt, der wie die beiden anderen Komponisten unseres Konzertes bei Seger gelernt hatte. Mozart soll von seinen Improvisationskünsten so beeindruckt gewesen sein, dass er ihn an Graf Kinsky empfahl, der spätestens 1791 Gelinek mit nach Wien nahm (allerdings gibt es keine gesicherte Quelle zu dieser Begegnung). Es steht jedoch fest, dass Gelinek zu Mozarts Bewunderern gehörte. Seine ersten vier gedruckten Werke (1791–1793) waren Variationen zu Themen aus „Don Giovanni“ und der „Zauberflöte“, und er veröffentlichte Transkriptionen von Mozarts Werken für Klavier (Streichquintett KV 614; Symphonie KV 550). Nach Angaben von Konstanze Mozart soll Gelinek auch Briefe und Musikautographe ihres verstorbenen Mannes besessen haben. Ab 1817 wirkte Gelinek, der schon 1786 zum Priester geweiht worden war und daher oft Abbé Gelinek genannt wurde, als Hauskaplan von Fürst Nikolaus II. Esterházy (1765–1833), dem letzten Dienstherrn Haydns. Er starb am 13. April 1825 im Esterházy-Palais in Wien.

Gelinek wurde ab der Mitte des 19. Jh. als oberflächlicher Modekomponist verschrien, seine zahlreichen Klavierwerke (insbesondere die Variationen, von denen er ca. 100 Stück zwischen 1791 und 1822 komponierte) genossen aber in ihrer Zeit eine außerordentliche Beliebtheit. Beethoven schätzte ihn, und Gelinek bearbeitete 1810 seine Erste Symphonie für Klavier (1817 folgten Variationen über das Andante der Siebten Symphonie). Das um 1815 entstandene Rondò zeigt musterhaft die Eigenschaften von Gelineks Kunst, die immerhin noch Carl Czerny schätzte, der Gelineks „brillantes und elegantes Spiel“ rühmte: virtuose Handhabung des Klaviersatzes (auch wenn er gelegentlich etwas mechanisch mit den Themen umgeht), einen feinen Sinn für die Klangmöglichkeiten des Instrumentes und nicht zuletzt geschmackvolle Themen mit Ohrwurm-Charakter.

Michele C. Ferrari / Alena Hönigová

 

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