In eigener Sache: Nibelungen-Reise für ein Loriot-Foto, oder: Der Ringkampf der Recherche

Autorin: Sabine Kreimendahl

 

Der gVe ist ein grundsolider Verein. Vielleicht steht das „G“ im Logo des Kulturvereins auch für diese Qualität, „grundsolide“. Denn mit Genauigkeit und großem Aufwand arbeitet der gVe  auch bei der Erstellung seines Saisonheftes.

Nichtsahnend wie kompliziert es sein kann, die ordentlichen Rechte an einem Foto zu bekommen, übernehme ich die von Geschäftsführer Stephan Gerlinghaus gestellte Aufgabe mich um die Fotorechte des bekannten Loriot-Fotos mit der Wagner-Büste zu bemühen. Denn für die Saison 2020/21 ist  die Aufführung von Loriots witzig-geistreicher Zusammenfassung von Wagners „Ring der Nibelungen“ mit Samuel Koch (jenem Schauspieler, der sich vor zehn Jahren bei der TV-Sendung „Wetten, dass“ schwer verletzt hat) geplant. Stephan möchte zwecks sinnfälliger Werbung das Foto „Loriot mit Wagnerbüste“  der Deutschen-Grammophon-CD (1993 produziert) im Saison- und später auch im Programmheft verwenden. So schwierig kann das ja nicht sein, denke ich.

Frohen Mutes suche ich an einem Freitag-Vormittag Anfang April über die Web-Site der „Deutschen Grammophon“ die Ansprechpartner heraus, lande telefonisch schließlich über ein paar Umwege (Corona hat gerade  die Mitarbeiter der „Deutschen Grammophon“ ins Home-Office verwiesen) bei Laurin Ahnert. Der zeigt sich erfreut und hilfsbereit auf der Suche nach dem gefragten Bild. Leider haben wir Pech: Der gesamte Bereich „Literatur“ ist bei der Deutschen Grammophon Ende der 1990er-Jahre eingestellt worden. Folglich sind auch diese Teile des Archivs nicht auf den aktuellen Server mitmigriert oder digitalisiert worden, weshalb wir auch nicht mehr an das Bild kommen.

Gegen eine Anfrage an die Fotografin Annette Lederer bezügliche einer Einwilligung der Fotorechte hat die Deutsche Grammophon keine Einwände. Leider finden sich in der Datenbank der DG auch kein Kontakteintrag zu Frau Lederer mehr. Die Nibelungen-Reise geht weiter.

Die Fotografin des genialen Loriot-Porträts, Annette Lederer, lässt sich beim weiteren Suchen weder mit einer Adresse noch einer eigenen Website im weltweiten Netz ermitteln. Wo ist die „Foto-Walküre“, lebt sie überhaupt noch? Schließlich ist das Foto vor 27 Jahren entstanden.

Ich überlege, bei der Familie Vicco von Bülows nachzufragen, entscheide mich dann anders.

Die Zeit zur Fertigstellung des Saisonheftes drängt. So beschließe ich das Booklet der „Loriot - Nibelungen“-CD mit dem gewünschten Foto bei Stephan Gerlinghaus in Bamberg abzuholen, um es von einem befreundeten Fotografen (er heißt nicht Hagen) professionell duplizieren und bearbeiten zu lassen; eine Anfrage habe ich bei Herrn Ahnert diesbezüglich gestellt. Am Abend mit  Loriot-CD-Ring aus Bamberg zurückgaloppiert, finde ich eine weitere Nachricht vom Wotan der „Deutschen Grammophon“ vor:  Eine Genehmigung, das Bild zu duplizieren und zu bearbeiten, will die DG nicht erteilen, da es bestimmte vertragliche Vereinbarungen gibt, wie Bilder weitergegeben werden können. Ich bin enttäuscht: Ein Tag voller Telefonate, Mails und Mühen und keinen Schritt weiter. Das Ringfoto bleibt unerreichbar. Es ist später Freitag Abend, untergehende Fotodämmerung.

Frustriert surfe ich am späten Abend vor dem PC, finde großartige Porträtfotografien von Annette Lederer, einen Artikel im „Wiener Kurier“ über sie. Ich schreibe an die Wiener Redaktion mit der Bitte um ein Gespräch mit dem Journalisten, der diesen Artikel verfasst hat. Bis heute habe ich vom journalistisch-österreichischen Walhall keine Antwort erhalten. Der Walkürenritt geht weiter. Die Fotobotin brennt, das Ganze lässt ihr keine Ruhe.

Ich finde die Seite des „Fotokontor-Hamburg.de“. Zwischendrin bin ich immer wieder im Kontakt mit Stephan, der auch mitüberlegt und vor allem – wie so oft – mit seinem unerschütterlichen Optimismus motiviert: „Prima, nur nicht aufgeben! Das Ganze klappt am Ende“, schreibt Stephan mir.

 

 

Der „Fotokontor Hamburg“ ist eine sehenswerte Website mit fantastischen, historischen Schwarz-weiß-Fotografien des alten Hamburg. Der Fotograf Bernd Nasner hat sie über Jahre gesammelt, einen Teil eingestellt und antwortet mir noch Freitag Nacht:

„Annette Lederer ist vor einigen Jahren gestorben. Ich habe von ihren Erben den Bilderbestand übernommen und versuche ihn zu scannen und katalogisieren.
Ein paar wenige Fotos hab ich im Internet, die meisten sind noch nicht gesichtet und bearbeitet. Was ich genau mit dem Nachlass mache und wie, das weiß ich noch nicht.
Aber er sollte möglichst auch zu sehen sein, wenigstens ein Teil davon.“

Diese Website wandelt die irrenden Leidmotive in handfeste Leitmotive!

„Weialala, weialala heia leia wallala la“ singen die Regnitztöchter in mir.

Am Samstag Nachmittag ergänzt Herr Nasner von der Elbe:

„Hallo Frau Kreimendahl,
ich werde mal die Bestände durchsehen. Ob Loriot überhaupt dabei ist, weiß ich nicht.
Wenn ja, wäre es schön. Ich glaube aber auch, dass ich nicht alles von ihr habe.
Ich hatte schon mal eine Anfrage in der Richtung, bei der ich auch keine Fotos hatte.
Ich werde mal abtauchen“.

Oh, es wird sehr spannend! Stephan freut sich mit mir. Unser Vorhaben, die Hoffnung auf dieses begehrte Foto, bekommt nun doch Aufwind!

Am Montag, 6. April jubeln Stephan und ich im emotionalen Wagner-Rausch: Bernd Nasner ist aus der Elbe wieder „aufgetaucht“ mit freudenreicher Kunde:

„Ich habe tatsächlich die Fotos gefunden, rund 10 verschiedene mit Wagner Büste. Alles in sehr guter Qualität, Mittelformat Farbe. Brauchen Sie ein bestimmtes oder soll ich von allen einen Scan machen?“

Fotovater Nasner schickt uns tatsächlich acht großartige Fotografien von Loriot mit Wagnerbüste, pures Werbegold. Annette Lederer hat Loriot wahrlich treffend, mit dieser unverwechselbaren Genialität aus Humor, Geist, Bildung, Distinguiertheit und Themenpointe porträtiert.

Ich möchte mich mit Herrn Nasner unbedingt persönlich unterhalten. Der Fotobote ist freundlicherweise bereit dazu. Es folgt ein langes, hochinteressantes Telefonat mit Bernd Nasner:

Ich erfahre, dass Annette Lederer für die „Hörzu“ gearbeitet hat und viele Künstler und Stars porträtiert hat: Romy Schneider, Peter Frankenfeld, Peter Alexander, George Harrison, Herbert von Karajan, Leonard Bernstein und andere mehr. Anette Lederer starb 2012. Bernd Nasner kannte  und schätzte die Fotografin persönlich als Kundin, da er in Hamburg ein gut sortiertes Fotofachgeschäft geführt hat. Inzwischen hat Herr Nasner, 65 Jahre alt, dieses Geschäft an einen Nachfolger verkauft und widmet sich vor allem der Durchsicht der Fotoarchive, die er im Laufe der Jahre angesammelt hat. Das ist zeitaufwändige, hochprofessionelle Arbeit. Zigtausend analoge Bilder gilt es zu sichten, zu sortieren, zu kategorisieren, zu digitalisieren. Anette Lederers Fotografien sind gut aufbewahrt worden, so dass die Scanbearbeitung vergleichsweise einfach ist, ohne das Original in seiner einzigartigen Aussagekraft zu verfälschen. Ich erfahre viel über Fotografie damals und heute, über die Genialität mancher Bilder, über Techniken, über Fotorechte, über Missbrauch bei Fotobearbeitungen. Nasner kennt sich aus, ist ein kluger, umfassend gebildeter, erfahrener Profi und darüber hinaus noch menschlich angenehm.  Herr Nasner erteilt dem gVe das Recht ein Loriot-Foto auszuwählen und dieses zu verwenden. Walhall ersteht! Alles nimmt nun unkompliziert, zügig seinen Lauf: Sandra Gumbrecht, die fabelhafte Designerin des gVe-Saisonheftes, freut sich, dass das Ganze nun klappt und wir auch den zeitlichen Rahmen einhalten können. Das Resultat dieser Nibelungen-Suche nach dem loriot´schen „Foto-Ring“ lässt sich im neuen Saisonheft auf Seite 40 begutachten.

„Lichte, Lichte, helle Brände!
Jagdbeute bringen wir heim.
Hoiho! Hoiho!“

 

Werner Heider freut sich über die Ehrenmitglieds-Medaille
© Kevin Westenberg

Loriot – Der Ring an einem Abend
(Nationaltheater Mannheim/Samuel Koch/Alexander Soddy)

Dienstag, 20. April 2021, 19.00 Uhr
Heinrich-Lades-Halle, Großer Saal

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