Faszination und Krimi einer Geige:
Die Stradivari des Weltstars Joshua Bell

Autorin: Sabine Kreimendahl

 

Was ist an einer Violine, in diesem Fall einer „Stradivari“, so wertvoll, dass ein Geiger wie Joshua Bell knapp vier Millionen Dollar dafür bezahlt?
Der Privatbesitz einer derart wertvollen Geige ist für Künstler in dieser Kategorie nur wenigen vorbehalten.

 

Joshua Bell, Foto: Chris Lee

 

Am 20. Juni 2011 machte Stradivaris „Lady Blunt“ Schlagzeilen als sie für einen Wert von 9,8 Millionen Pfund (ca. 11,6 Millionen Euro) verkauft wurde. Dies war das Vierfache des bisherigen Auktionsrekordes für eine Stradivari-Violine. Nach einer äußerst aktiven Gebotsrunde ging sie an einen anonymen Bieter. Der gesamte Verkaufserlös floss dem Erdbeben- und Tsunamihilfsfonds für den Nordosten Japans zu, den die Nippon Foundation eingerichtet hatte. Der Verkauf der „Lady Blunt“ stieß auf massives Interesse von Sammlern aus aller Welt, die diese einzigartige Gelegenheit, ein Stück Geschichte zu besitzen, wahrnehmen wollten. Die Violine befand sich 30 Jahre lang im Besitz von Lady Anne Blunt, der Enkelin des berühmten englischen Dichters Lord Byron. Weitere Eigentümer waren der legendäre Pariser Geigenbauer Jean Baptiste Vuillaume, die Sammler Richard Bennett, Baron Knoop und Sam Bloomfield sowie die Nippon Music Foundation. Das Besondere an der Violine ist, dass sie sich, wie Andrew Hill beschrieb „in einem Zustand befindet, als habe sie gerade die Hände ihres Schöpfers verlassen.“


Oft gehören die Instrumente Händlern, Stiftungen, Banken, Großkonzernen, welche die Instrumente dann an herausragende KünstlerInnen zeitweilig verleihen. Die Stradivari ist bis heute eine Geldanlage, deren Wert sich in den letzten 60 Jahren bisweilen um das 200fache vermehrt hat.

Der Weltklassegeiger Joshua Bell gab über seine Violine, die „Stradivari Gilbert ex Huberman“ in einem Gespräch via Facetime Auskunft. Es ist die zweite Stradivari, die Bell besitzt. Die erste, die Stradivari „Tom Taylor“ verkaufte Bell und investierte in die „Gilbert ex Huberman“. Das Erlanger Publikum darf Bell und seine zweite Stradivari mit Bruchs „Schottischer Fantasie“ demnächst im Konzert mit der NDR Elbphilharmonie unter Alan Gilbert hören, erleben.

 

Joshua Bell, Foto: Bill Phelps

 

gVe:
„Herr Bell, was ist das Besondere an Ihrer Violine, der „Stradivari Gilbert ex Huberman“?“


Joshua Bell seufzt und lächelt dabei:
„Oh, das ist schwierig zu beschreiben. Es ist in etwa so: Was ist das Besondere, das Schöne an deiner Frau oder deinem Mann? Es ist die besondere Chemie, wie sie auch mit einem Partner, einer Partnerin im Idealfall herrscht.
Für mich war es mit dieser Violine Liebe auf den ersten Blick. Natürlich zeichnet dieses Instrument alles aus, was einer Stradivari allgemein zugeschrieben wird: Komplexität, Obertonklang, ein herausragender Gesamtklang. Guarneri-Geigen sind genauso fantastisch, aber zu mir passt mehr die Stradivari. Und ich bin überglücklich, dieses Instrument zu besitzen. Auch die Geschichte dieser Violine von 1713 aus dem Besitz des jüdischen Geigers Bronislaw Huberman ist hochspannend, weil sie ja zweimal gestohlen wurde.“

Befasst man sich näher mit dem Thema „Stradivari“ stößt man häufig auf absurde, kriminelle, spannende Geschichten von Kopien, Fälschungen, Betrug, Diebstahl, Zerstörung.
Christoph Götting, Geigenbaumeister in Mainz, berichtet auf seiner Web-Site über die hochspannende Geschichte von Joshua Bells Stradivari:

„Während meiner 21 Jahre in Beare's berühmtem Unternehmen durfte ich viele kostbare antike Instrumente, unter anderem zahlreiche Stradivaris, restaurieren und studieren, was für meine spätere Neubau-Tätigkeit von unersätzlichem Wert geworden ist. Einige Restaurierungsarbeiten aus dieser Zeit sind mir besonders stark in Erinnerung geblieben. So war die wahrscheinlich berühmteste Geige, die ich in unserer Werkstatt restaurieren durfte, die sogenannte „Gibson“ Stradivari aus dem Jahr 1713, die auch unter dem Namen „Huberman“ bekannt ist. Die Geschichte der „Huberman“ hat sogar den französischen Schriftsteller Frédéric Chaudière, selbst ein Geigenbauer, zu einem Roman inspiriert.

Diese Geige war im Besitz des polnischen Virtuosen Bronislav Huberman. Während eines Konzerts in der Carnegie Hall in New York am 28. Februar 1936, wo er auf seiner Guarneri spielte, verschwand die Stradivari aus seiner Garderobe. Huberman, der während der Pause von dem Diebstahl informiert worden war, regte sich nicht allzu sehr auf, denn die Geige war hinreichend versichert. LLoyds vergütete ihm seinen Anspruch später mit 8000 £, ein Bruchteil des heutigen Wertes.
1986 bat ein Geiger namens Julian Altman zuhause auf seinem Sterbebett seine Frau, sich der Geige unter seinem Bett anzunehmen. Sie fand nicht nur ein Instrument mit einem Zettel, der auf Stradivarius hinwies, sondern auch noch einige alte, vergilbte Zeitungsausschnitte über den Diebstahl der „Gibson“ vor fünfzig Jahren. Von seiner Frau befragt gab Altman zu, dass dies tatsächlich die „Gibson“ war und dass er sie dem Dieb für 100 Dollar abgekauft hatte, kurz nachdem sie gestohlen worden war. Altman, der nach Aussage seiner Frau ein Alkoholiker, Spieler, wenn nicht Schlimmeres gewesen war, hatte mit Hilfe dieses Instruments eine gewisse Karriere als Teestuben- und Bargeiger gemacht. Aber er spielte auch im Washington Symphony Orchestra und fand Angebote auf privaten Parties der Oberklasse und auf politischen Versammlungen. Niemend ahnte jemals, welche Identität oder exquisiten Eigenschaften das heruntergekommen Instrument hatte, mit dem er auftrat.

Nach dem Tode Altmans wurde Charles Beare von Lloyds beauftragt, das Instrument zu identifizieren. Er flog mit einem alten Farbfoto der „Gibson“, das er vom New Yorker Wurlitzer Violingeschäft bekommen hatte, nach Connecticut und wusste auf den ersten Blick, dass die berühmte „Gibson“ Stradivari von 1713 tatsächlich wieder aufgetaucht war.

 

Joshua Bell, Foto: Robert Ascroft

 

Als Charles mir in in London die Geige zum ersten Mal zeigte und ich einen Blick darauf werfen konnte, dachte ich, dass dies ein feines französisches Instrument sein müsse. Ich wurde gebeten näher hinzuschauen. Natürlich war da eine Lage dunkelbraunen Schmutzes, aber darunter war ein intensiver, tiefroter Lack, und unter diesem ein unverwechselbar lebhafter und stark reflektierender Cremoneser Grund.

Ich hatte dann die Ehre, eine akribische, zeitaufwändige Reinigung durchführen und danach, 1987, die „Gibson“ auch noch komplett restaurieren zu dürfen. 274 Jahre nach ihrer Erschaffung wurde die Geige dann zurück an ihren Geburtsort Cremona geflogen. Später wurde die Geige von Norbert Brainin erworben, der sie mehrere Jahre spielte, bevor er sie an Joshua Bells weiterverkaufte, der bis heute der Eigentümer der „Gibson“ Stradivari ist.
Es trifft zu, dass ein Streichinstrument noch so schön klingen kann. Seinen Marktwert erhält es erst durch die gesicherte Provenienz aus der Werkstatt eines namhaften Geigenbauers.

Klingen alte Geigen wie die von Stradivari wirklich besser?
Eine alte Geige klingt nicht automatisch besser als eine neue. So, wie es gute, ja geniale neue Geigen gibt, gibt es auch schwächer klingende, einfache alte Instrumente. Unbestritten ist, dass Stradivari und Co. Maßstäbe setzten, an denen sich bis heute alle Geigenbauer messen müssen. Den vermeintlichen Klang-„Geheimnissen“ dieser Instrumente sind Forscher mit immer neuen Methoden und Mutmaßungen noch immer auf der Spur. Es gibt auch verschiedene Blindhörtests, bei denen fachkundige Zuhörer neuen Instrumenten den Vorzug gegenüber alten Meistern gaben. Doch auch über die Aussagekraft solcher Tests gibt es unterschiedliche Auffassungen.
Das Erlanger Publikum darf sich jedoch freuen, dass es in den hochinteressanten Hörgenuss eines solch´ wertvollen Instruments in den Händen eines außergewöhnlichen Geigers kommt!

 

"Joseph Joachims Geigen" Buchcover
"Joseph Joachims Geigen" Buchcover

 

Literaturhinweis

Der ehemalige Vorsitzende des gVe, Notar a. D., Dr. Ruprecht Kamlah, hat sich nach langjähriger akribischer Recherche mit der Geschichte wertvoller Violinen befasst.

Sein Buch „Joseph Joachims Geigen – Ihre Geschichten und Spieler besonders der Sammler Wilhelm Kux“, Erlangen 2017, ist nicht nur spannend zu lesen, sondern bietet neben wertvollen Erkenntnissen über die Violinfachwelt einen großen kulturhistorischen Blick.

Die broschierte Ausgabe ist direkt bei Ruprecht Kamlah, Tel. 09131-24 846 zum Preis von 20 € oder am Konzertabend mit Joshua Bell zu beziehen.

 

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